Für eine Handvoll Zimtschnecken
Vorbereitungsachterbahn
Schnappsidee mag man sagen. Aber daraus sind Abenteuer gemacht. Ich fahre mit dem Bock nun erst seit anderthalb Jahren, und irgendwie muss man sich ja auch erst einmal zurechtrütteln in einem neuen Sport. Was gefällt einem, oder wie möchte man Trainieren? Im September kam ich auf die Idee, man könnte ja mal eine mehrtägige Tour nach København machen. Und da ich noch eine Rechnung mit meiner Lieblingsbäckerei offen hatte, war das Ziel gesetzt. Natürlich hatten wir einen Plan-B und Plan-C für den Fall der Fälle, denn die Jahreszeit war tückisch und nicht selbstverständlich zu befahren als Anfänger.
Beim letzten Stammtisch des Superfreunde Cycling Club haben mich die Anderen gefragt, wie ich darauf Trainieren möchte. Doch mit Kind und Kegel, dem Kita-Rotz und schlechtem Wetter hatte ich bis zur Abfahrt eine sechs Wochen Sportpause. Beste Voraussetzungen. Ich wollte die Tour aber nicht alleine machen. Und so fragte ich im Kreise der Radaffinen den einen verrückten, mit dem man So etwas kurzfristig durchziehen kann. Kevin perfekt vorbereitet, manche meinen er schläft auf dem Rad, liebt die Natur und kennt die Magie von Bageriet Brød.

Anfang Dezember wurde der Zeitpunkt fix auf das Zeitfenster vom 27.12.24 bis maximal 30.12.24 gesetzt und so planten wir grob eine paar Routenoptionen für drei oder vier Tage. Da Kevins Trauzeuge auf Fehmarn samt Freundin wohnt war der erste Stop halbwegs fix, je nachdem was die Beine so sagen. Ab dann waren wir uns nicht sicher, wie weit wir nach so einem Tag fahren sollten. Aber Frei nach dem Motto Erst die Arbeit, dann das Vergnügen entschieden wir uns für den 150km / 85km / 90km Split. Erstes Ziel ist besagter Trauzeuge in Blieschendorf, Fehmarn. Anschließend sollte es zur Fähre von Puttgarden nach Rødbyhavn über Lolland nach Vordingborg auf Falster um am zweiten Tag in Præstø, Sjælland in einem Zimmer einzukehren. Auch wenn uns einige gefragt hatten, ob wir zelten würden, musste ich antworten, dass wir dann aber doch nicht so derbe verrückt geworden sind. Der dritte und letzte Tag geht sinngemäß nach København, Hovedstaden. Wir wollten uns die Option offen lassen, ob wir genug Zeit haben würden, nach der Bäckerei noch eine Stippvisite in Nyhavn zu machen, oder ob wir uns in den Zug stürzen müssen.
Die Feiertage kamen mit Wucht, viel Essen und wenig Bewegung und Kevin erzählte mir, dass er sich vielleicht etwas eingefangen hatte und auf wie vielen Hochzeiten und Feiern er gerade Tanzte. Ich war nicht wirklich fit. Meine letzten Touren waren im September und Oktober und gingen nicht über 70 Kilometer. Allgemein bin ich noch nie deutlich über 100 Kilometer gefahren und meinen bis dato schlimmsten Hungerast, von meiner Tour von Rendsburg über Flensburg nach Kollund, sollte sich nicht wiederholen.
So packte ich während des Weihnachtstrubels meine sieben Sachen, lud noch einmal alle Akkus auf und ging aufgeregt wie ein Einschulkind in Bett, voller Vorfreude auf das was kommt.
Tangstedt - Blieschendorf - Præstø - København
3 Tage - 356KM - 1483HM - 🇩🇪 🇩🇰
Tag 1
Da Kevin aus dem Hamburger Norden anreiste, haben wir uns entschieden uns nach jeweils 25km in Kayhude bei Landbäckerei Mathiessen zu treffen. Dies hat verhindert das wir uns erst auf der Brücke nach Fehmarn getroffen hätten. Durch ein bisschen Routenplanung wussten wir, dass wir alle 25km grob irgendeinen Supermarkt finden würden. Ein Mittagsspot wollten wir spontan in Eutin suchen, und eine Fähre mussten wir heute auch nicht mehr erreichen, sodass wir ganz entspannt fahren konnten. Das Wetter war am ersten Tag für norddeutsche Winterverhältnisse auf unserer Seite, sodass wir tagsüber zwar nur 1-4°C, dafür aber leichten Rückenwind hatten. Dabei war das Wetter nur etwas diesige und neblige und bescherte uns nicht mehr als Nieselregen.

Um 07:15 ging es für uns Beide los, mitten durch die neblige Suppe. Ich merkte schnell, dass ich mit meiner ordinären Alltagsbrille nicht viel erreichen werde, sodass ich mich schnell dazu entschloss diese abzusetzen. Kevin, ganz der harte Hund meinte die ersten Meter mit kurzer Hose zu fahren und entschloss sich ebenfalls sein Setup kurzerhand anzupassen. In Kayhude angekommen, gönnten wir uns ein ordinäres Frühstück, zeigten einander das Setup und besprachen grob den Tag. Gestärkt ging es über Nebenstraßen Richtung Bad Segeberg, und ich kann mich noch gut an de Moment erinnern, als di bekannten Ortsnamen aufhörten und sich ein echtes Gefühl von Freiheit und Abenteuer einschlich. Zu lange konnten wir Stops nicht machen, um nicht auszükuhlen. Unsere Mittagspause machten wir nach 85km in Eutin. Hierfür suchten wir uns einen Kohlenhydrate-Lieferanten und fanden einen guten Pizzeria Da Toni, Italiener in der Nähe des Bahnhofs. Bei Mittagstisch drehte ich fast das Thermostat ab, sodass unsere Handschuhe leider nicht trockneten, dich das Essen wärmte von innen. Pasta als Hauptgang und eine geteilte Pizza zum Nachtisch später waren alle Glykogenspeicher wieder voll und wir wieder auf dem Bock.

Bisher waren die Höhenmeter sehr human, nun aber fängt der sportliche Teil der sächsischen Schweiz an. Das fehlende Training und die resultierende schwache Ausdauer paarten sich mit ersten kleines muskulären Problemen. Das ganze hat mich schon runtergezogen, das ist nicht zu leugnen. Kevin, angeschlagen auf seinem vollbepackten Stevens Superflight, machte das irgendwie mit links. Aber irgendwie ist das doch auch ein wertvolle Lektion aus diesem ersten Tag. Wir sind alle auch nur Menschen, zu Leisten was die Situation und der Geist hergibt. Ich mag mir nicht denken, wie ich die Tour alleine oder bei schlechteren Bedingungen angegangen hätte. Step bei Step hangelten wir uns durch die Dörfer, vorbei an Oldenburg in Holstein, die Sonne ging langsam unter und so hatten wir nur noch ein Ziel Fehmarn, eine Dusche und 'ne Kleinigkeit zu Essen.

Es kam natürlich etwas anders als gedacht, aber eine kleine Geschichte wert. Wir loggten uns bei 149km und fast siebeneinhalb Stunden auf dem Bock in Blieschendorf auf Fehmarn ein, verpassten einen späten Sturz nur knapp und wurden mit herzlichen Grüßen empfangen. Großes Lob geht an Svea und Kris für eine enorme Gastfreundschaft, die ein zweites Sucht. Während wir schnell die Dusche nutzten, planten die Beiden schon den restlichen Abend durch. Auch wenn der Magen schon knurrte, Körper und Geist schon in der horizontalen gesehen hatten gönnten wir uns zwei Stunden und verschiedene Aufgüsse in der FeMare Therme. Ob so viel Entspannung für die Muskeln nun mittelfristig positiv war oder nicht, kann ich abschließend noch gar nicht sagen, ich hätte aber auf der Bank aber augenblicklich einschlafen können. Eine kurze Tour später sehe ich mit zwischen Fussball-Weihanchtsfeier, Einheimischen und Touristen vor einer Dionisos-Platte im Korfu Grill in Burg. Gekrönt wurde das Essen durch einen einen Maus-Besuch auf dem Weg zur Küche, den die Kellner 'nicht gesehen hatten' und den wir mit einer Runde Vitaminen 'auch nicht gesehen haben sollten'. Wir verabschiedeten uns, gingen viel zu spät noch zu REWE für ein paar Teile zum Frühstück und fielen gegen 23:00 todmüde in die Falle.
Tag 2
Vor 8:00 wollten wir wieder losfahren, doch der Körper hätte sich gerne bis Mittag ausgeruht. Doch man muss im Tritt bleiben, die Mission hoch halten und schauen was auf einen zukommt. Ein schönes Frühstück, letzte Grüße zum Abschied und schon die nächste Idee für eine Tour den Sommer 2025 im Gepäck sattelten wir die Pferde, skippten den Bäcker auf dem Weg zur Fähre in Puttgarden und lösten in letzter Minute noch die Tickets für die Fähre um 09:15 Richtung Rødbyhavn auf Lolland. Das Wetter war wie am Vortag, diesig und bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt mit leichtem Rückenwind.

45 Minuten später sind auf auf Dänischem Hoheitsgebiet und allerspätestens jetzt breitet sich das Urlaubsgefühl aus. Doch das Fahrrad GPS hatte einen Streich für uns, denn den plötzlichen Sprung von deutscher zu dänischer Seite verließen das Gerät die Route neu zu planen. Nun aber durch die lokalen Einstellungen auf eher Schotterwegen, als die geplanten asphaltierten Nebenstraßen und Fahrradwegen. Ob es an den 8km durchaus unwegsamen Gelände lag kann ich nicht sagen, aber das rechte Knie machte mir stetig mehr sorgen und ich konnte nicht sagen, ob es rein muskulär war oder ich dem Ganzen gerade eher schade. So ging es langsamer als geplant und mit geknickter Stimmung erstmal weiter. Vorbei an endlosen Feldern, alten, niedlichen Häusern und Bergen von geernteten Zuckerrüben machten wir Mittags in der Pizzeria Al Pacino in Sakskøbing halt. Eine gute Pizza und eine Runde Fritten später machten wir uns wieder auf den Weg durch den Dunst.

Nachdem ich auf meiner bisher längsten Tour spät warm gegessen hatte, wollte ich das dieses Mal unbedingt umgehen. Rückwirkend betrachtet haben wir sicherlich genausoviel Kalorien zugeführt wie verbraucht und ein richtiges Hungergefühl hat sich gar nicht erst entwickelt. Das fühlte sich kurzfristig vielleicht richtig an, war aber bei der Dichte an Supermärkten, Tankstellen und Restaurants nicht notwendig. Von Sakskøbing ging es den zweiten Teil der Tagesetappe fast schnurgerade nach Nordost. Vorbei an kleineren Dörfern und entlang der wenig befahrenen Landstraße bis wir zu der alten Brücke, die über den Storstrømmen führt, welche die Inseln Falster und Sjælland verbindet. Parallel zur 1937 fertig gestellten Storstrømsbroen wird gerade eine neue Brücke errichtet, die durch den Nebel zu erahnen war und die Überfahrt hoffentlich etwas sicherer gestaltet. Freihändiges Fahren wurde mir auf den drei Kilometern seitens Kevin untersagt.

Mit dem Ende der Brücke in abenteuerlichem Zustand verließen wir Lolland, rollten in Vordingborg, eine alte Hafen und Marktstadt am Südzipfel von Sjællands, und gönnten uns eine letzte heiße Schokolade, bevor wir die letzten Hügel in Angriff nehmen wollte. Nun waren es nur noch 18km bis zu unserem Ziel Præstø. Eine kleine Detour ermöglichte uns eine Waschanlage zu finden, die für die Kunden auch einen öffentlich zugänglichen Wasserhahn nebst weichen Bürsten liegen hatten. Wir putzten kurzerhand den groben Schmutz von unseren Rädern und rollten in die Altstadt des knapp 4000 Einwohner Städtchens Præstø auf Sjaelland, um am zweiten Tag im Sunway Place einer Unterkunft einzukehren. Mit geteilten Badezimmern, sowie gemeinschaftlichem Wohn- & Esszimmer und fünf einzelnen Zimmern auf höchstem Niveau, konnten wir gut abschalten. Riesen Hunger hatten wir an diesem Abend nicht, und leider war der Abend, so wie jeder Morgen auch wolkenverhangen und neblig, sodass ein Besuch des Hafens und ein Blick auf den Fjord Zeitverschwendung gewesen wäre. Im Supermarkt kauften wir uns ein Müsli für das Frühstück, ein Feierabendbier und ein Smørrebrød, während wir unsere Klamotten in der Waschmaschine einmal wuschen und trockneten. Wir ließen den Abend bei seichter Unterhaltung ausklingen und gingen früh ins Bett.
Ein Tip am Rande ist, das imprägnierte Kleidung durch die Wäsche ihren Effekt natürlich verliert, sodass sich jeder überlegen sollte, ob er die Klamotten auf einer so kurzen Tour wirklich waschen sollte.
Tag 3
Wir buchten uns den Zug um 16 Uhr und hatten für die Strecke von Præstø nach København genügend Zeit. Doch irgendwie juckt es nun natürlich auch, endlich anzukommen. Eine Zimt- oder Kardamomschnecke bei Bagiert Brød war zum greifen nah. Im Allgemeinen hatten wir eine riesige Vorfreude auf diese wahnsinnig schöne und lebendige Stadt. Zum Abschied füllten wir das Gästebuch aus, packten unsere Sachen einletztes Mal zusammen, frühstücktes unser Müsli und fuhren früh gegen 07:00 Uhr aus dem Haus. Der weg hatte nur eine Steigung, und die war nach der ersten Stunde auch Geschichte. Vorbei an schlummernden Dörfern kamen wir in ein Gebiet, wo ein Herrenhaus dem nächsten folgte. Irgendwo im Hinterland des Præstø Fjords folgten wir Weidenalleen, sahen Rotwildgehege im Vorgarten während der Tag so langsam anfing.

Nach der einen Hügelkette auf dieser Route stießen wir auf eine Landstraße, die wie eine Perlenkette schnurgerade auf København zuläuft. Ein wenig monoton und irgendwie kommt man bei Rückenwind und eigentlich kaum nennenswerten Auf- oder Abstieg sehr schnell voran. Als ich eine kleine Bäckerei in Herfølge mit Mehl in der Anlieferung entdeckte, schlug ich eine kleine Pause vor, sonst wären wir vor dem Mittag in København. Außerdem verspricht echtes dänisches Backhandwerk immer eine gute Zeit, sodass wir uns hier ein Heißgetränk und eine Kleinigkeit zum zweiten Frühstück kauften.
Von hier an war ein ein sehr entspanntes einrollen in die Vorstädte Køge, Solrød Strand und Greve Strand, sodass wir bei dem fließenden Übergang leider kein Ortsschild København gesehen haben. Doch dies drückte nicht die Stimmung, im Gegenteil. Ein Gefühl von Freude, Aufregung aber auch Müdigkeit machte sich breit. So eine Tour hatte ich mir in den kühnsten Träumen nicht ausmalen können. Aber ein paar Kilometer waren es nun noch. Wir reiten uns in die lokalen Radfahrer, achteten nicht mehr auf den Radcomputer und ließen uns mit der Welle mittragen. Zwischendurch erhaschten wir einen Blick auf die Køge Bugt, wichen mit Glück einem letztmöglichen Sturz aus, und rollten ohne Aufwand in Vesterbro, Københavns Szeneviertel ein. Hier erkannte ich die Ecken schon und die Ansammlung von Einheimischen und Reisenden vor der Engehave Plads 9 verriet, dass wir unser vorläufiges Ziel erreicht haben.

Die Kreditkarte um einen wahnsinnigen aber in dem Moment irrelevanten Betrag belastet, standen wir nun vor der Bäckerei. Der Flat White und das Mandelcroissant schmeckte wie auf Wolke 7. In der Tüte waren noch weitere Schätze und Leckerein, doch ich hielt mich zurück, denn ein Teilchen wollte ich noch auf der Bahnfahrt nach Hause essen und den Rest der Familie am nächsten Morgen als Überraschung übergeben.
Da wir so gut in der Zeit waren, wollten wir uns die 10km extra doch noch gönnen und besuchten das touristische Highlight der Stadt, Nyhavn. Doch die bunt internationale Menschentraube wurde uns schnell zu viel und so langsam wollten wir bei den Temperaturen aus unseren Radklamotten.

Am Tivoli vorbei erreichten wir den Bahnhof, einige Stunden zu früh, aber überglücklich, aber hundemüde. Wir fanden einen Platz zum Umziehen, schauten uns noch die alte Bahnhofshalle, die seit 1911 ein Wahrzeichen von København darstellt. Solch schöne Architektur lässt immer wieder mit Tränen in den Augen an den Altonaer Bahnhof denken. Doch wir trockneten unsere Tränen mit einem schwedischen Bahnhofsburger MAX und ein paar Snacks vom 7Eleven, um ja nicht hungernd nach hause zu kommen.

Da wir eine Zugbindung hatten und der IC im Winter (Achtung mitschreiben Kinder) keine Reservierungsmöglichkeiten für Räder hat mussten wir uns mit dem EC begnügen. Genauer gesagt hatten wir zwei Umstiege vor uns, denn der erste fuhr zwar ohne Zwischenhalte nach Fredericia um dort in den zweiten Zug nach Flensburg zu steigen. Dort stiegen wir ein letztes mal in den RE7, welcher uns entsprechend nach Hause brachte. Müde aber voller Ideen, Geschichten und neuem Abenteuerdrang fiel ich ins Bett, gab der Familie noch einen Gutenachtkuss und schlief augenblicklich ein.

An dieser Stelle möchte ich mich einmal bei Kevin bedanken. Eine Rakete vom Herrn, der trotz Erkältung und 20 Kilogramm Zuladung an seinem Rad mich immer wieder motiviert hat, der nicht das ganze Projekt gecancelled hat und mich in der Ungewissheit einer Solotour verloren hätte. Danke für drei tolle Tage und Abende, für wiederkehrenden Hunger, für das Feuer für Bikepacking im Allgemeinen und neue Abenteuer die da kommen mögen. Auf der Tour haben wir immer wieder über neue Möglichkeiten, auch bei Besserem Wetter gesprochen und auch Bageriet Brød veröffentlichte nur ein paar Tage später ein Foto der Berliner, die ich auch im dritten Anlauf nun noch nicht probieren durfte. Ich freue mich auf den Videozusammenschnitt von Kevin und auf neue Mikroabenteuer, die eine Wohltat für die Seele und den Körper sind.

